Pietro Paltronieri, gen. Mirandolese
TIBERIUS – DIREKTVERKAUF
Verkaufspreis
€ 8.200
Pietro Paltronieri, gen. Mirandolese
1673 – 1741
Architektur-Capriccio mit Figuren
Tempera auf Leinwand, geformter Abschluss
116,5 x 197,2 cm, mit Rahmen 131 x 209,5 cm
Provenienz: Versteigerung im Dorotheum (Alte Meister II, 2022, Lot 272), seither in Wiener Privatsammlung Dr. Adrian Hollaender
Sammlung Hollaender
Die in ebenso fachkundiger wie geschmackvoller Weise jahrelang aufgebaute Sammlung renommierter Alter Meister entstammt dem Hause des bekannten Wiener Rechtsanwalts, Buchautors (z.B. „Pavarotti – Addio Luciano“, „Legenden und Stars der Oper“) und Kulturmanagers Dr. Adrian Hollaender.
Aufgewachsen in einem betont künstlerischen Umfeld, in dem schon seine Eltern, die Schauspielerin und Künstlermanagerin Univ.-Prof. Ariane Hollaender-Calix, und der legendäre langjährige Wiener Staatsoperndirektor Ioan Holender, als ausgeprägte Kunstfreunde und Sammlernaturen hervortraten, entwickelte sich Dr. Adrian Hollaender im Laufe der Jahre zu einem ebenso passionierten wie qualifizierten Sammler herausragender Meisterwerke der Malerei.
Seine nunmehr exklusiv beim Auktionshaus Tiberius zur Versteigerung gelangende Sammlung umfasst ausgesuchte Werke berühmter italienischer Meister, so etwa Andrea Vaccaros bekanntes von ihm monogrammiertes alttestamentarisches Bild „Abraham dismissing Hagar and Ishmael“, Sassoferratos stimmungsvolle „Madonna in prayer“ oder altvenezianische Meisterwerke von Nicolò Bambini und Francesco Corneliani und den legendären Il Mirandolese über eindrucksvolle Portraits der Turiner Meistermalerin La Clementina, bis hin zu holländischen Meistern wie van Goyen und Pieter Wtewael, sowie als besondere Zugaben eine altfranzösische Tapisserie und einen typischen Matisse.
Pietro Paltronieri, genannt Il Mirandolese, gehört zu den bedeutenden Vertretern der emilianischen Architekturmalerei des frühen 18. Jahrhunderts. Ausgebildet in Bologna, stand er in der Tradition der Quadratura-Malerei und spezialisierte sich auf illusionistische Architekturdarstellungen, die häufig in enger Verbindung mit Bühnenbild und dekorativer Wandmalerei stehen. Seine Werke zeichnen sich durch ein ausgeprägtes Interesse an perspektivischer Konstruktion, architektonischer Fantasie und atmosphärischer Inszenierung aus. Paltronieri arbeitete für kirchliche wie weltliche Auftraggeber und bewegte sich in einem künstlerischen Umfeld, das stark von der Bologneser Akademietradition geprägt war. Das vorliegende Gemälde, eines von zwei Pendants, wurde im Dorotheum kunsthistorisch untersucht und seine Einordnung innerhalb des Œuvres des Künstlers bestätigt.
Das Architektur-Capriccio, dem dieses Werk zuzuordnen ist, stellt eine eigenständige Bildgattung dar, die reale und imaginäre Bauelemente zu idealisierten, oft ruinösen Architekturlandschaften kombiniert. Besonders im 17. und 18. Jahrhundert erfreute sich diese Gattung großer Beliebtheit, da sie sowohl antiquarisches Interesse als auch eine poetische Reflexion über Vergänglichkeit und Größe vergangener Kulturen vereinte. Künstler wie Paltronieri entwickelten dabei komplexe Kompositionen, in denen klassische Architekturelemente – Säulenordnungen, Bögen, Kuppeln – frei kombiniert und in neue, oft theatralisch wirkende Zusammenhänge gesetzt wurden. Die Einbindung von Figuren dient dabei nicht nur der Belebung der Szene, sondern auch der Maßstabsbildung und narrativen Andeutung.
Im Zentrum der Komposition erhebt sich eine komplexe architektonische Eckkonstruktion, die in ihrer Anlage beinahe spiegelbildlich organisiert erscheint und den Blick des Betrachters bündelt. Auf einem massiven Sockel sind kannelierte Säulen mit korinthisch anmutenden Kapitellen vor Wandpfeilern angeordnet, die zwei Bogenöffnungen rahmen. Diese Säulen tragen ein klassisches Gebälk, bestehend aus Architrav und einem darüberliegenden Fries, gekrönt von einem Zahnschnittgesims. Darüber entwickelt sich eine weitere Architekturzone, deren geschwungene Formen zusätzliche Bögen sowie möglicherweise den Ansatz einer Kuppelstruktur andeuten. An der rechten Seite scheint innerhalb einer Bogennische ein Brunnen integriert zu sein, aus dem Wasser hervortritt. Zwei Figuren beleben diesen Bereich: ein junger Mann, der sich am Rand der Architektur abstützt, sowie ein vor ihm sitzendes Mädchen. Die Umgebung ist von stark verwitterten, teils vermoosten Steinflächen geprägt, die den ruinösen Charakter der Szenerie unterstreichen. Bröckelndes Mauerwerk legt die Spuren der Zeit offen, während sich im Hintergrund eine Stadtansicht entfaltet, die vom Vordergrund durch viaduktartige, monumentale Strukturen abgegrenzt wird und der Darstellung zusätzliche räumliche Tiefe verleiht.
Paltronieris Werk ist von besonderer Bedeutung für die Entwicklung der Architekturmalerei in Norditalien, da es die Verbindung von perspektivischer Präzision und imaginativer Gestaltung exemplarisch vor Augen führt. Seine Capricci bewegen sich zwischen Realität und Fiktion und spiegeln das zeitgenössische Interesse an Antike, Theater und Illusion wider. Das hier vorliegende Pendant zeichnet sich zudem durch sein ungewöhnlich geformtes, polygonales Abschlussformat aus, das den dekorativen Charakter des Gemäldes unterstreicht und auf eine ursprüngliche Einbindung in ein architektonisches oder raumkünstlerisches Ensemble hindeuten könnte. Diese besondere Form verstärkt die Wirkung der dargestellten Architektur und lässt das Bild selbst zu einem Teil jener illusionistischen Welt werden, die es darstellt.
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