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Neuentdeckung einer musealen Alabaster Madonna

Diese sitzende Madonnenfigur (Höhe 36 cm) aus Alabaster ist in ihrer Ausführung der Werkstatt des Gil de Siloé (1440er-1501), dem führenden und bedeutendsten spanischen Bildhauer um 1500, der in Burgos wirkte, zuzuordnen.
Die Herkunft von De Siloé ist nicht gänzlich geklärt; er stammte entweder aus Orléans oder Antwerpen, und seine Werke weisen sowohl französische als auch flämische Charakteristika auf. Der Bildhauer wurde von Königin Isabella von Portugal beauftragt, zahlreiche skulpturale Projekte sowohl in Holz als auch in Stein auszuführen, unter anderem auch die königlichen Grabmäler. Er gestaltete den Skulpturenschmuck in der Kathedrale von Burgos; besonders hervorzuheben ist hierbei das 1493 vollendete Doppelgrabmal aus Alabaster für Juan II. und Isabella von Portugal in Caruja de Miraflores, das als eines der reichsten Grabmäler in Spanien bekannt ist, und dessen Grabskulpturen stilistisch mit der hier beschriebenen Madonna sehr verwandt sind.

Gil de Siloe, Sitzende Madonna
Werkstatt des Gil de Siloé, Madonna, um 1500

Maria ist sitzend auf einer Thronbank mit markanter Bodenplatte dargestellt, wie dies auch bei den Grabskulpturen zu sehen ist. Diese Figuren sind in einem ähnlichen Typus, nämlich repräsentativ-sitzend und Attribute haltend, gezeigt. Nicht der Thron ist im Mittelpunkt, sondern die weit ausladende Sitzhaltung der Jungfrau mit halbkreisartig geöffneten Armen, mit deren rechter Hand sie das nackte Jesuskind an sich gedrückt hält. Der Mantel fällt harmonisch über ihre Schultern und gleitet über ihren Schoß, wo die schweren Falten in Knick- und Eckkonfigurationen in typischem V-Schema zum Boden hinabfallen. Die Draperie ist in einem Spiel von Naturalismus und Stilisierung wiedergegeben, gekennzeichnet einerseits durch das dünne Unterkleid, das durch die Haltung der Figur die schmale, mit Kordel geraffte Taille betont; enganliegend fällt es über den Bauch in ihren Schoß. Andererseits betont der luxuriöse brokatartige Umhang das Volumen der Figur. Die thronende Hoffnung (Esperanza) und Maria lactans des Grabmals zeigen starke kompositorische Ähnlichkeiten, auch in den am Boden auftreffenden Faltenbahnen.

Betrachtet man Details der Oberflächenverzierungen, so finden sich diese am Saum des Dekolletés als auch an der reichen Krone, die hier vermutlich einen mit Edelsteinen besetzten Metallreif simuliert. Die typisch-gotische Haarpracht Marias fällt in langen gewellten Strähnen über ihre Brust, während das Kind von der Kalotte sich volutenförmig-eingerollt ausbreitende Löckchen hinter einer vornehmen hohen Stirn vorweist. Auch die gelängten manieristisch-dünnen Finger beider Skulpturen sind typische Merkmale der Gotik. De Siloés Figuren zeigen außerdem prägnant ausgearbeitete, schwere Lider. Die weniger reiche Faltengebung der genannten Vergleichsbeispiele erklärt sich wohl aus dem größeren Zusammenhang der Werke sowie der angestrebten Uniformität bzw. der Zusammenarbeit verschiedener Bildhauer der Werkstatt. Besonders herausragend sind bei dieser Figur die aufgefalteten Dreiecksäume und die umgeschlagene Schoßfalte, die in ihrer idealisierten Unordnung von naturalistisch durchdachtem Kalkül zeugen.

Diese kompositorischen und stilistischen Merkmale treffen auch auf die thronende Madonna aus dem Cleveland Museum of Art zu, die ebenfalls der Werkstatt des De Siloé zugeordnet ist und um 1480 datiert wird. Sowohl das Profil des Sitzgestühls (ohne Beiwerk) als auch die kompositorische Haltung ähneln der vorgestellten Madonnenfigur stark. Dennoch ist letztere weniger entschwebend dargestellt und mehr mit der menschlichen Sphäre verbunden, da sich das Kind spielerisch zurücklehnt und nicht derart auf einer fragilen Schüsselfalte balanciert wie das Kind der Cleveland Madonna. Außerdem ist die Figur insgesamt reicher verziert, sowohl im belebteren Faltenwurf als auch beispielsweise durch die schneckenförmigen Löckchen des Jesuskindes. An beiden Figuren sind Spuren von Vergoldung und Bolus erhalten und zeugen von der ursprünglich reichen Verzierung. Die Tatsache, dass diese Fassungsreste vorhanden sind, reflektiert das hohe Alter und die Authentizität der Figur.

Obwohl die naturalistisch dargestellten Gesichtszüge und die Gestik realitätsnah sind, so ist die skulpturale Ausarbeitung doch ihrer Funktion nach vorrangig repräsentativ-idealisierend. Es handelt sich dabei wohl um ein eigenständiges privates Andachtsbild, das vermutlich von einem adeligen Mäzen in Auftrag gegeben wurde. Besonders gut lässt sich dies mit der kleineren Größe vereinbaren; die Skulptur wurde hierbei leicht erhöht aufgestellt, da der Blick Marias nach unten gesenkt ist, während das Kind entrückt und seitlich nach oben blickt. Dies passt gut zur Vermittlerrolle Marias als Fürbitterin zwischen ihrem Sohn und den Gläubigen, sowie zur populärer werdenden Marienverehrung im Europa des Spätmittelalters.

Literatur

Siloe, Gil de. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 31: Siemering–Stephens. E. A. Seemann, Leipzig 1937, S. 27.

Gil de Siloe, Hoffnung

Werkstatt des Gil de Siloé, Hoffnung (Esperanza), Alabaster, Skulpturenschmuck des Alabastergrabmals für Juan II. und Isabella von Portugal, 1493 fertiggestellt, Caruja de Miraflores, Burgos.
Foto © www.deutsche-digitale-bibliothek.de

Gil de Siloe, Maria

Werkstatt des Gil de Siloé, Maria lactans, Alabaster, Skulpturenschmuck des Alabastergrabmals für Juan II. und Isabella von Portugal, 1493 fertiggestellt, Caruja de Miraflores, Burgos.
Foto © www.deutsche-digitale-bibliothek.de

Gil de Siloe, Thronende Jungfrau mit Kind

Werkstatt des Gil de Siloé, Thronende Jungfrau mit Kind, ca. 1480, Alabaster.
Foto © Cleveland Museum of Art

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