Hochmusealer Musizierender Engel | 3. Tiberius Auktion

40° 33′ 0” N 14° 16′ 0” O

3. Tiberius Auktion​

Nachverkauf bis 31. Dezember 2021
Die Nachverkaufspreise sind inklusive aller Gebühren

Los 69 Auktion

Hochmusealer Musizierender Engel

Flämisch
1460/1480

Nachverkaufspreis:  15.000

Additional information

Flämisch
1460/1480
Bronze perdu; in verlorener Form gegossen & ziseliert
Skulptur: Höhe 48 cm, Breite 47 cm, Tiefe 20 cm
Mit Sockel: Höhe 58 cm, Breite 52 cm, Tiefe 21 cm

Diese meisterliche Skulptur stellt wohl einen musizierenden Engel flämischer Herkunft, der gegen Mitte des 15. Jahrhunderts datiert werden kann, dar. Die gehöhlte Rückseite sowie die Abreibungsspuren zeugen vom Alter der Bronzeskulptur (Maße: 48 x 47 cm), die im Wachsausschmelzverfahren hergestellt wurde, wie dies ab dem frühen 14. Jahrhundert üblich war.

Die androgyn wirkende sitzende Figur könnte ebenso als männlicher Heiliger oder Stifter gedeutet werden, wobei die spannungsvolle Unbestimmtheit der Darstellung mit langen geöffneten Haaren mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Engelsdarstellung hinweist. In der Hand könnte dieser eine Lilie (als Verkündigungsengel) oder ein Musikinstrument – beispielsweise eine Laute – gehalten haben (vgl. Meister von Frankfurt: Hl. Familie mit musizierendem Engel, Hl. Katharina von Alexandria, Hl. Barbara 1510 – 20, Museo del Prado, Madrid).

Der mit dieser Interpretation erzeugte christlich-sakrale Bezug könnte ebenso durch eine mythologische Zuschreibung ersetzt werden: der flügellose Jüngling könnte auch einen Genius darstellen, ein Schutzgeist, der sich seit der römischen Antike großer Beliebtheit erfreute.

Bronzeskulpturen dienten häufig für den privaten Gebrauch, da weltliche Mäzene die Kirche als Auftraggeber von Kunst ablösten. Diese Figur ist durch den detaillierten Realismus stark in der frühen Niederländischen Renaissance verankert, die von Jan van Eyck ab den 1420ern popularisiert wurde. Dabei könnte die hypothetische Darstellung des Genius auch schon Anklänge des Renaissance-Humanismus aufweisen, da besonders in dieser Zeit Motive der klassischen Antike umgesetzt wurden. Der nahezu fotografische Realismus ist nicht an der vorausgegangenen Gotik orientiert, sondern nimmt Anregungen aus der italienischen Früh- und Hochrenaissance (vergleiche Lorenzo Ghibertis “Paradiespforte”.

Die Skulptur ist sitzend dargestellt und ihr Blick frontal auf den Betrachter ausgerichtet; die linke Hand ist erhoben, ähnlich einem Lautenhals haltend, ebenso wie die rechte, wohl in einer die Saiten zupfenden Geste. Das markante, plastisch modellierte Gesicht ist umrahmt von schulterlangen gewellten Haaren. Die elegante Haltung der feingliedrigen Finger sowie die Bordüren des reich verzierten Mantels, der mit einer Brosche über der Brust zusammengehalten wird, sind verwandt mit den Figuren des Genter Altars (1420er-1432)

Der reiche Faltenwurf mit voluminös-plastischen Knickfaltenkonfigurationen von übereinander gelagerten und aufgebauschten Falten entwickelte sich aus dem Schönen Stil der Internationalen Gotik, wobei hier weniger die Anatomie der Figuren, sondern die ausgeprägte stoffliche Textur der Oberflächencharakterisierung im Vordergrund steht. Die “maschenartigen” Falten sind vergleichbar mit den Gewändern des Mérode-Triptychons von Robert Campin. Jedoch ist hier das brokatähnliche-schwere Textil mit retadierenden gotischen Dreipassmotiven geschmückt, die man häufiger in der Architektur und seltener als Kleidungsmotive antrifft, während die Bordüren in einem exotisierenden Zickzack-Fries gestaltet sind. Die Innenseite ist mit typisch gotischen Sternmotiven geschmückt, die den Fokus zusätzlich auf die hochwertige Materialität des Stoffes legt, wobei dies ein besonderes Merkmal der flämischen Kunst des 15. Jahrhunderts ist.

Während die Skulptur in ihrer Gewandmotivik noch Nachklänge der Spätgotik aufweist, deutet die reiche, voluminös konstruierte Draperie bereits auf eine stilistische Zuordnung in die Niederländische Renaissance hin. In seiner Physiognomie – mit der geraden Nase und mit den markanten Wangenknochen – und stilisierter Gewanddrapierung ist der Engel mit den Grabfiguren von Isabella von Bourbon (1476) verwandt, die von Reiner van Thienen, einem flämischen Bronzegießer (aktiv 1465-1498) aus einer Bildhauerfamilie, geschaffen wurden. Er war ein angesehener Brüsseler Bürger und bekleidete 1477-91 mehrere städtische Ämter. Da sich die Engelsfigur in der Oberflächenstrukturierung der Textilien von dem Oeuvre des Bronzegießers unterscheidet, liegt die Vermutung nahe, dass der Künstler die Werke van Thienens kannte und die Figur in dessen Umfeld fertigte.

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