Tondo, Mutter mit Kind, um 1440 - Los 32 | Tiberius Auktionen

40° 33′ 0” N 14° 16′ 0” O

2. Tiberius Auktion​

Nachverkauf der 2. Tiberius Auktion

Los 32 Auktion

Tondo

Mutter mit Kind
Um 1440

Nachverkaufspreis:  18.750

Additional information

Mutter mit Kind
Um 1440
In der Art des Luca di Simone di Marco della Robbia
Florenz 1399 – 1482 Florenz
Alabaster-Guss im Relief
Monochrom gefasst
DM 65 cm

Museales Tondo aus Alabaster Guss mit dem beachtlichen Durchmesser von 65 cm. Diese reliefierte Darstellung der Madonna wurde im Zeitalter des Umbruchs zwischen Spätmittelalter und Renaissance im Italien des 15. Jahrhunderts geschaffen.
Maria mit dem Kind wird hier als Ganzkörperbild gezeigt. Auf ihren abgewinkelten Knien balanciert das nackte Jesuskind, welches sie mit der linken Hand an seinem Rücken stützt. Die manieristisch gelängten Finger der rechten Hand umfassen den Fuß des Knaben. Der Dialog von Mutter und Sohn wird nicht nur im Blickkontakt der innigen Zuneigung ausgedrückt, sondern auch mit der Gestik der linken Hand, mit der das Jesuskind zum Schleier an der Brust der Mutter greift und sich dadurch stärker zu ihr wendet. Die Verspieltheit in der bildhauerischen Ausführung ist nicht nur in der Komposition der Figurengruppe wiedergegeben, sondern auch im Faltenwurf und dem Herausragen aus dem Mittelfeld des Tondo in den Rahmen hinein. Bei letzterem handelt es sich um einen raumgreifenden Trick, der Maria und Kind aus der Bildfläche stärker heraustreten lässt. Die gesamte Form der Sitzhaltung sowie der herausschauende Fuß Marias verweisen noch auf die ausklingende Spätgotik, während die dynamische Drehung der Figuren zueinander bereits die Renaissance verkörpert.

Diese Art von Madonnenreliefs wurde meist in einem architektonischen Rahmen präsentiert und war für private Andacht bestimmt, die in den weniger öffentlichen Räumen der Residenz, wie beispielsweise dem Schlafzimmer, in Nischen aufgestellt war. Daher wurde dieses Werk vermutlich für einen adeligen Auftraggeber geschaffen. Bei der Madonna handelt es sich um ein populäres Motiv, das sich auf italienischen Reliefs des 15. Jahrhunderts häufig finden lässt. Besonders traf dies für die Stadt Florenz und deren Umgebung zu. Hier wurde gerne die Jungfrau in fürsorglicher Rolle als ideale Mutter präsentiert. Die beliebte Gestik der Figuren schafft eine intime Atmosphäre und enge körperliche Nähe: Maria greift mit ihren manieristisch gelängten Fingern nach dem rechten nackten Fuß des Kindes; hierbei wird die Menschlichkeit Christi sowie die Mutterliebe hervorgehoben. Der taktile Aspekt der Berührung der Fußsohle mit der Hand unterstreicht diese Werte zusätzlich und kann auch mit der Berührung eines Heiligenbildes durch den Gläubigen gleichgesetzt werden. Das dreidimensional anmutende Andachtsbild zeigt den Betrachtern die Verehrung Christi durch physische Interaktion vor. Damit wird nicht nur der Sehsinn mit der ästhetischen Wertschätzung des Kunstwerks, sondern auch der Tastsinn und die daraus resultierende religiöse Erfahrung des Gläubigen veranschaulicht. Dieser zusätzliche Erfahrungswert verdeutlicht das wichtige visuelle Charakteristikum von Andachtsbildern der Renaissance.

Angesichts der besonderen Beliebtheit von derartigen Madonnendarstellungen lässt sich ein kompositorischer Ursprung geografisch fassen; stilistisch kann es aufgrund der komplexen Bildhauermeister Beziehungen und deren Werkstätten nicht eindeutig zugeordnet werden. Vollrunde Madonnendarstellungen dieser Art wurden zunächst von Filippo Brunelleschi (1377-1446) und Lorenzo Ghiberti (1378-1455) gefertigt. In der Forschung wird allerdings auch Jacopo della Quercia (1374-1438) als Schöpfer dieser Bilder genannt. Jedoch sei Ghiberti der erste Florentiner Meister, der die Verwendung von Materialien wie Alabaster, Stuck oder Ton für derartige Andachtsbilder perfektionierte. Michelozzo di Bartolommeo (1396-1472) schuf Madonnenreliefs mit verspielten Dialogen zwischen Mutter und Kind. Auch Donatello (1386-1466) kreierte Tondi wie die Madonna del Perdono und die Piot Madonna mit einer Büstendarstellung Marias und dem Kind im Arm. Hier ist auch Andrea del Verrocchio (1435-1488) zu nennen, der ausdrucksvolle, halbfigurige Darstellungen mit stark belebtem Faltenwurf schuf. Besonders bekannt für Tondi sind die Werkstätten des Lucca della Robbia (um 1400-1481) und Andrea della Robbia (1435-1525), die in Florenz wirkten. Sie forcierten mit der Produktion von Güssen (die verwendeten Knochenleim Formen konnten zwei bis drei mal verwendet werden), die Herstellung von Tondi, Lünetten oder Altarbildern, für den privaten Gebrauch derartiger Kunstwerke. Stilistisch vergleichbar ist die um 1450/60 datierte Madonna del Roseto oder Madonna col Bambino tra due Angeli von Luca della Robbia, der unter anderem in Donatellos Werkstatt sein Handwerk erlernte

Foto © Sotheby’s
Ein Tondo mit ähnlicher Rahmung und derselben Berührung des Fußes findet sich auch bei einer Auktion von Sotheby’s im Jahr 2007, welches Lucca della Robbia zugeschrieben und um 1440 datiert wird. Es erzielte einen Bruttopreis von USD 375.000,- .

Der voluminöse Faltenwurf sowie die dynamische Haltung der Figuren des hier beschriebenen Kunstwerks sind eindeutige Merkmale für die Herstellung aus der Übergangsphase zwischen internationaler Gotik und der Renaissance, die in Italien schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt im 15. Jahrhundert erfolgte. Dadurch lässt sich dieses Tondo eindeutig  in die Zeit um 1440/50 einordnen. Durch die ausführende Arbeitsweise und das Verwenden eines Alabaster-Sand Gemisches, welches in einem Knochenleim Model geformt wurde, wird die zeitliche Datierung eindeutig bestätigt. Der Zustand der monochromen, Marmor imitierenden Fassung auf der Oberfläche ist ebenfalls ein spannendes Indiz; genauso wie die beiden Vertiefungen links und rechts am unteren Rand. Diese beiden Mulden und die eisernen Stummel der ehemaligen Montierungsstangen am Rand auf der Rückseite des Tondos untermauern die Herkunft und das Alter des Kunstwerkes. Vorallem wird durch die Befestigungsvorrichtungen die These einer Aufstellung in einer Nische eines toskanischen Palazzo verdeutlicht.
All diese technischen und kunsthistorischen Fakten untermauern die internationale Bedeutung dieses musealen Kunstwerkes aus der Hochblüte der Florentiner Renaissance in der Mitte des 15. Jahrhunderts.

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